"Der Falter des Mandarin"
Diese Geschichte beginnt im Alltag eines Künstlers. In seinem Allelier abgeschieden in den Bergen Nordilaliens besucht ihn eines Tages ein reicher Geschäftsmann aus Rom. Dieser ist "auf Empfehlung" zu ihm gekommen und möchte für ihn Vernisagen veranstalten, an deren Gewinn er natürlich beteiligt ist.
Zunächst entwickelt sich alles mit gutem Erfolg, doch dann beginnen die Mühlen zu mahlen. Die steigende Nachfrage bestimmt das Geschäft und der Künstler gerät immer mehr unter Druck.
Nun wittert der Geschäftsmann den großen Deal. Als nun auch noch die "große, vergessene Jugendliebe" des Künstlers neben den profitgierigen Machenschaften des Geschäftsmannes auftaucht, ist die Zeit der Rache gekommen...
Die Sonne scheint durch die verwitterten Dachfenster des alten Ateliers und füllt den Raum mit honigfarbenem Vormittagslicht. An den unverputzten Steinwänden lehnen Bilder in den unterschiedlichsten Farben und Formaten. Zumeist zeigen sie nackte Körper in außergewöhnlichen Arrangements. Wohlproportionierte Brüste umschlungen von feurig rotem Haar, alabastafarbene Schenkel umwoben von hauchdünnen, seidenen Stoffen, sinnliche Lippen inmitten glühender Gesichter, umarmende und in sich vereinte Körper makelloser Gottgestalten.
Aber auch äußerst provokante, laszive und allein durch ihre aggressiven Farben schreienden, tief in ihrer Seele zerrissen Objekte der fleischlichen Begierde. Es sind erotische Motive, wie sie im Verhältnis zueinander unterschiedlicher nicht sein könnten.
Zu mehreren Schichten hintereinander sind diese Werke eng an eng im ganzen Raum an den Wänden aneinandergelehnt, so dass dieser bis auf einen schmalen Korridor fast gänzlich ausgefüllt ist. Der Raum wird durch zwei Türen geteilt. Die Eingangstüre, nach Süden gerichtet, ist aus dickem, altem Eichenholz und mit Eisen beschlagen. Die andere, schräg gegenüber und aus Brettern provisorisch zusammengenagelt, führt zu weiteren Wohnräumen des Ateliers.
Durch ihre Ritzen strömt frischer Kaffeeduft. Der Boden des Ateliers ist mit feinem Sand bedeckt. Dazwischen erheben sich ein paar abgetretene Holzschwielen, die den Raum längs durchlaufen. Eine Unmenge Fußspuren, teils Barfuss, führen von einer Tür zur anderen und rings um die Staffelei, die sich mitten im Raum unter dem größten Fenster des Daches befindet. Vor der Staffelei ist der Boden am tiefsten ausgetreten. Farbig verschmierte Lumpen liegen auf einer Holzkiste etwas abseits. Im Fach darunter dicht gedrängt angedrückte und ausgequetschte Farbtuben, Pinsel aller Stärken in einem matten Glas, Terpentin in kleinen Flaschen. Daneben ein leeres Wasserglas und eine, bereits zur hälfte veraschte, glühende Zigarette auf dem Rande eines kunstvoll geschwungenen, silbernen Aschenbechers mit den Initialen EM.
Der Klang spielender Kinder schallt leise von den Straßen und Gässchen des Dorfes herauf. Singvögel halten ihr Konzert in einem nahe gelegenen Baum. Kein ticken einer Uhr, kein surren eines Kühlschrankes, kein Telefonläuten. Dieser Ort scheint von dem modernen Trubel und der Alltagshektik abgeschottet zu sein.
Dumpfe Schritte nähern sich über dem steinigen Aufgang der Eingangstüre. Ein leichtes Klopfen, dann Stille. Schließlich dreht sich die alte abgegriffene Messing-Klinke. Ein Mann betritt das Atelier. Nach zwei Schritten bleibt er stehen. Zwischen seinem geöffneten, dunkelblauen Anzugsjackett spannt seine korpulente Statur das aufgeknöpfte, weiße Hemd. Sein runder Kopf ist eingerahmt von grauen Schläfen, einer Halbglatze und einer goldenen Pilotenbrille über der markanten Nase. Durch die grünen Gläser drängen kritische Blicke kreuz und quer durch den Raum. Langsam setzt sich der Mann wieder in Bewegung, nimmt das eine und andere Bild in die Hand, betrachtet es aber ohne Tiefe und nur kurz, stellt es dann wieder zurück.
Schließlich bleibt er etwas länger vor einem größeren Bild stehen. Darauf ist eine asiatische, göttliche Schönheit zu sehen, die ihren Liebhaber während des ekstatischen Aktes mit ihren Beinen so fest umklammert, das dieser mit weit aufgerissenem Mund und von sich gestreckten Armen schmerzerfüllt um sein Leben kämpft.
Unbemerkt öffnet sich die Brettertür im hinteren Bereich des Ateliers. Ein junger Mann, ende zwanzig, lehnt im Türrahmen, hält eine dampfende Tasse Kaffee in seiner rechten Hand.
„Gefällt es ihnen?“ fragt er den unbekannten Interessenten.
Er geht die Stufen hinab und nähert sich seinem Besucher. Ohne sich dem jungen Mann zuzuwenden erwidert dieser mit gelassener Stimme: „Sagen wir, ... ganz nett.“
Dann nehmen seine Augen über dem Rahmen der goldenen Brille Kontakt mit dem jungen Mann auf.
„Sind sie der Künstler dieser Werke“?
„Ja, es sind meine Bilder... entsprungen aus meinen Phantasien.“
Gastfreundlich hält er dem Fremden die Tasse hin: „Möchten sie eine Tasse Kaffee? Er ist noch heiß.“
Der Mann winkt ab.
„Gefallen mir, ihre Bilder. Ich habe etwas übrig für erotische Kunst.“ Der Mann wendet sich langsam von einem der Bilder ab und tritt dem Künstler präsent gegenüber. Langsam und mit gesenktem Haupt nimmt er seine Brille ab, steckt sie ins Revier und begutachtet nun auch den Künstler von unten nach oben. Danach tritt er an ihm vorbei, streckt seien Kopf in den Lichtstrahl, der durch die vergilbten Dachluken an der Decke herb scheint und eröffnet mit einem Handschwung: „Ich kenne sie nicht und nehme daher an, sie hatten noch keine bedeutende Ausstellung, richtig?“
„Nein, zumindest keine, die für die... sagen wir, moralische Öffentlichkeit ohne Bedenken besucht hätte werden können.“
Schweigend sieht ihn der Geschäftsmann an. Der junge Künstler zieht Luft durch die Nase, beginnt dann zu erklären: „Meine ersten Vernissagen platzierte ich in Bordellen und Clubs... na, sie wissen schon, zuletzt zum Beispiel hatte ich eine Ausstellung im Vichy. Kennen sie das Vichy?“
Der Geschäftsmann wendet sich ohne eine Mine zu ziehen ab, geht wieder auf das Bild mit der Asiatin zu, kommentiert dann mit leiser, in sich gekehrter Stimme „Interessant, …“ kurz darauf etwas bestimmter: „äh, nein, kenne ich nicht. Waren dies die einzigen Ausstellungen bis jetzt?“
Der Künstler zieht ein Photo von der Pinnwand neben sich ab, auf dem er inmitten in Dessous geschmückten Schönheiten posiert. Er hält es dem Geschäftsmann mit einem befriedeten grinsen vor die Nase: „Ja und es war ein riesiger Spaß!“
Nach einem flüchtigen Blick auf die Photographie schlendert der Geschäftsmann zur Raummitte weiter und nimmt den Faden seiner Interessen wieder auf.
„Ihre Bilder sind interessant, in der Tat. Mit etwas Glück und viel Arbeit könnten sie am Anfang einer großen Karriere stehen. Ich könnte sie in die High Society einführen... wenn sie Interesse daran haben versteht sich. “
Etwas verwirrt unterbricht der junge Künstler, hebt abweisend eine Hand nach oben: „Stopp!“
Er stützt den anderen Arm in seine Hüfte, sein Gesichtsausdruck wirkt augenblicklich ein wenig gereizt.
„Stopp, Mr. Sowieso, bevor sie hier weiter den Engel der Verheißung spielen. Sie können mir gerne eines oder mehrere... oder von mir aus auch alle diese Bilder abkaufen, wenn sie ihnen gefallen. Aber bitte kauen sie mir kein Ohr ab mit ihrem Gerede über die High Society. Das interessiert mich wirklich nicht die Bohne. Ich male aus Leidenschaft und nicht aus Gier nach Ruhm und Reichtum. Mir sind diese elitären Schnösel so etwas von egal...“
2009, über zehn Jahre nach der Ideenfindung zu dieser Story, setze ich dieses Projekt nun in die Tat um. Das fertige Manuskript von "Der Falter des Mandarin" wird noch im Winter 2009 verfügbar sein.
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