Die graue Fassade des Hauses in der Innenstadt ist nicht gerade einladend. Als ich es das erste mal sah, hätte ich auch nicht vermutet, dass sich darin eine moderne Zahnarztpraxis befindet. Aber das tut es.
Geschlagene zwei Stunden verbrachte ich unter dem chirurgischen Lampenschirm, kam mir vor wie ein altes Möbel, das von einem Restaurator begutachtet wurde.
„Oben links - saniert. Unten rechts - saniert. Oben rechts 12 irreparabel, unten links11 gefüllt und so weiter und so weiter.“
Jetzt schmerzen meine Zahnreihen als ob ich gerade als Sparringpartner für einen der Klitschko’s herhalten musste.
Ich zieh am abgegriffenen Eisenknauf und öffne sie knarzende Türe, verlasse die dunkle Stiege hinaus in das treibende Leben der Fußgängerzone. Dicke Schneeflocken wehen mir ins Gesicht. Alles um mich herum ist grau, kalt, matschig. Selbst die farbigen Neonreklamen in und über den Geschäften wirken fahl. Ich drehe mich noch einmal um und erst jetzt fällt mir die Unberührtheit des Hochglanz-Messingschildes über der kollektiven Klingeltafel auf: Fr. Dr. Dr. Rebhuhn - Zahnärztin.
„Das Dentisten immer so komische Namen haben müssen?“
Doch in Wirklichkeit macht mir etwas anderes viel mehr Sorgen. Die Beschaffung eines Edelmetalls... Gold!
„Ja,“ meinte die unscheinbare Mittfünfzigerin in ihrem weißen Kittel, „Sie sind noch Jung und da sollten die Inlays und Kronen schon eine weile halten.“
„Danke für das Kompliment!“ dachte ich mir, aber woher nehmen wenn nicht stehlen. Ich sah die fünfstellige Zahl nur noch verschwommen auf dem Kostenvoranschlag und meine Gehirnwindungen begannen schon auszurechnen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit eines gelungenen Bankraubes wäre.
Ok, vergessen wir das!
Ich gehe los, den Kopf mit schweren Gedanken beladen, die sich in dieser tristen Umgebung immer mehr um das strahlende Metall zu rotieren beginnen. Geprabbelte Wörter fliegen in Reihenvolge und Bedeutung sinnlos eine ganze Weile über meine Lippen: „Goldjunge, Goldregen, Goldrausch, Goldkette, Goldhamster, goldener Schuß, goldenes Horn, goldene Nase, Goldzahn... ahh!“ Da war es wieder, das Thema.
Meine Zunge tastet die frischen, mit Provisorien zugestopften Löcher meiner Kauleisten ab. Ein ekliger chemischer Geschmack breitet sich über meine Zunge aus, die allmählich wieder aus ihrer Taubheit erwacht.
„Ups, ist ein bisschen was daneben gegangen.“ meinte die pickelspriesende Zahnarzthelfer-Göre nur. Warum docktern Lehrlinge immer nur an mir freimütig herum? Erst letzte Woche hat mir beim Blutspenden eine dieser blonden Praktikums-Rotkreuzhasen meine Venen tracktiert, bis mein Unterarm aussah wie ein Nadelkissen. „Das ist anscheinend die Bestimmung von Kassenpatienten“, dachte ich mir nur, hab die Zähne zusammengebissen und versucht, mich in ihren blauen Augen zu verlieren. Ging aber nicht.
Apropos Zähne...
Nicht weit von meiner Haustür entfernt, am Rande des Dorfes in dem ich lebe, ist ein Friedhof. Vielleicht sollte ich ja mal einen dieser blassen Totengräber anhauen, ob er sich nicht etwas dazuverdienen möchte, wenn er... wobei... Gold, das Andere schon Jahrzehnte im Mund herumgetragen haben? Mit dem sie schon alles mögliche gegessen und gekotzt haben? Das sie jahrelang eingespeichelt und und an dem sich bereits prähistorische Speisereste in Schichten abgelagert hat? Außerdem wäre das auch zu teuer! Ja wenn... dann müßte man das schon selbst in die Hand nehmen!
Auf keinen Fall, soweit kommt es noch!“
Fast wäre ich über meine ruchlosen Gedanken erschrocken . Aber Fr. Dr. Dr. Rebhuhn hat es ja selbst eigens vorgeschlagen: „Vielleicht kommen sie ja irgendwie etwas günstiger an ein pssr Gramm Zahngold heran...“ flüsterte sie in den Gummihandschuh ihrer halb vorgehaltener Hand in einer klassisch illegalen Stimmlage.Was zum Kuckuck sollte sie denn sonst damit gemeint haben?
Plötzlich blieb ich stehen. Meine achtlosen Schritte haben mich direkt vor die Auslage eines Juweliers gebracht.
„Wow, die Rolex dort für 12.500,-. 18 karatiges Gelbgold mit Brillis darauf.”
Kurzweilig überlegte ich folgendes: „Scheibe einschlagen, das Ding klauen und einschmelzen. Dann erstrahlt sogar noch ein unwiderstehliches Funkeln beim lächeln - hinter Gittern...“
Ich stöhne leise, weil sich auch diese Idee als aussichtslos und blöde erwies und führe meinen Weg hinauf in Richtung Zugterminal gedankenverloren fort.
Kaltes Wasser drückt sich bei jedem Auftreten durch die linke Sohle meines maroden Schuhwerkes und tränkt meine Socke mehr und mehr unterhalb des Ballens. „Ach herje, hab ich ja ganz vergessen, das Loch!“ schießt es mir durch den Kopf. Ein wirklich widerliches Gefühl!
Darum hebe ich jetzt bei jedem Schritt die Zehen des rechten Fußes an, was sicherlich etwas behindert aussieht. Was soll’s, ich wechsle die Straßenseite und hoffe auf der anderen Seite auf weniger stehendes Wasser auf dem Gehweg. Ich gehe geradewegs auf ein strahlend weißes plakatives Lächeln zu, dass von einer Litvasäule direkt auf mich herab grinst.
„Ach, verfolgt mich dieses Thema heute wohl den ganzen Tag, ja?! Schon gut...” beruhige ich mich selbst, nachdem sich in mir nun allmählich eine gewisse Gereiztheit ankündigt.
“Tja, hättest du früher eben etwas penibler deine Zähne gepflegt... Da bist du wohl selbst daran schuld!“
Die Ampel ist rot, ich warte.
„Ja früher..., früher hat der Esel im Märchen Gold geschissen und heute trägt man es als Zahnersatz in seinem Mund spazieren. Gold stinkt nicht, Geld ja, Gold aber nicht.“
Es wird grün und ich gehe weiter.
„Manche Menschen haben Gold in den Adern, heißt es. Alles was sie anfassen, wird zu Gold, sagt man. Bei mir ist das nicht so. Ich kann nur in den Schnee pinkeln und das sieht dann von der Farbe so ähnlich aus wie Gold. Es ist aber keines.
Gold wird nie meine Geliebte sein, da warte ich schon zu lange vergebens auf sie. Hat nichts für mich übrig, glaube ich. Um für Gold ein gutes Händchen zu haben, muss man schon etwas verrucht sein. Eine Spur zumindest vielleicht.
Hm, ich bin zu anständig, wie es scheint. Schade manchmal.”
Plötzlich erinnere ich mich wieder an eine skurile Szene.
Wir, ein Freund und ich, waren mit unseren Motorrädern gerade in Süd-Frankreich unterwegs. Wir waren auf der Durchreise und es war schon nachts um halb Zwölf oder so. Mit unseren Eintöpfen tuckerten wir durch Cannes, vorbei an den Casinos, den Yachten und Rolls Royce’s. Wir waren damals grad mal achtzehn oder neunzehn Jahre alt. Es war schwül. Auf den Straßen war nichts los, in manchen der Hotels und Bettenburgen erstrahlten riesige Kronleuchter teures Fünf-Sterne-Inventar.
Ab und an standen da aber auch diese gewissen leichten „Mädchen“ am Straßenrand. Sie waren sicherlich nicht viel älter als wir, hatten atemberaubende Figuren und ich kann mich noch daran erinnern, wie das Licht meines Scheinwerfers plötzlich eine Offenbarung erleuchten ließ.
Die Straße auf der wir fuhren machte gerade eine leichte Kurve und plötzlich stand ein Traum in Blond genau im Lichtkegel meines Scheinwerfers, angelehnt an eine dieser Palaismauern. Sie trug einen langen schwarzen Pelzmantel, der aber nicht sehr viel von ihrem Körper bedeckte. Mit einem Bein stützte sie sich an der Mauer ab und ihr Knie schob den Mantel gerade ein Stück zur Seite, der so den Blick auf ihre nackten Tatsachen jedem preis gab, der wie ich aus dieser Kurve heraus für einen Moment auf sie zufuhr.
Sie hatte ewig lange Beine, die bis zur Hälfte in schwarzen Lackstiefeln steckten.
Dann glitzerte plötzlich dieses kleine goldene Dreieck aus ihrer goldenen Mitte!
Ehrlich, ihr goldfarbener Slip strahlte wie der Leuchtturm vor dem Kap der guten Hoffnung.
Ich glaube wir kamen damals ernsthaft ins schlingern und wären fast dran und drauf gewesen, uns gegenseitig von den Kisten zu fahren. Auf jeden Fall drehten wir ein Stück weiter vorne noch einmal um und beobachteten dieses Goldgeschöpf, dass dann aber kurze Zeit später schon in einen dicken Benz einstieg. Der war zwar schwarz, aber sein Besitzer hatte wohl bereits den „goldenen Schnitt“ geschafft.
Ich glaube, damals wurde uns klar, was es heißen sollte, einen wahren Schatz in Gold aufzuwiegen. Wir hatten ja nur Münzen und ein paar Dollars in den Taschen. Also fuhren wir weiter und träumten den Rest der Reise nur davon, wie was gewesen wäre, wenn...
Wow, der Gedanke an diese Erscheinung hebt heute noch meinen Puls. Ist doch eigentlich komisch, dass in so vielen Träume immer und immer wieder Gold die Rolle des Protagonisten bedient. So wie in den Träumen der einstigen spanischen Eroberer Südamerikas oder in den Träumen barrokker Kirchenfürsten im späten Mittelalter. In den Träumen der Babylonier und in den der Inkas, in den der Goldgräber Kaliforniens und in den der Sumerer, der Skythen, der Ägypter und der Nibelungen, um nur ein paar wenige zu nennen.
Wer und was hat denn dieses Gold eigentlich so wertvoll gemacht? Doch nicht die Nachfrage dieses Metalls für prähistorischen Zahnersatz, oder?
Wer also war der Erste, der das Aurum angebetet hat? Ich meine, wenn ich goldenen Schmuck sehe oder einen kleinen Barren hinter dem Panzerglas einer Bank, dann funkelt das zwar schön, aber ich würde niemals nicht auf die Idee kommen, deshalb ganze Völker niederzuschlachten oder zu bestehlen.
Aber der Wahn des Goldes war und ist weltweit überall der Gleiche! In allen Kulturen, zu allen Zeiten und auf allen Kontinenten.
Ist denn dem Menschen diese schitzophräne Gelbsucht etwa genetisch einprogrammiert?
Damit verbunden gilt leider auch folgende unumstößliche Wahrheit: „An Gold klebt Blut.“
“An jedem Gold! Das Blut massakrierter Indios, versklavter Grubenarbeiter, ausgebeuteter Schwarzer, gemeuchelte Exbesitzern, ja das Blut ganzer Armeen, deren Könige, Kaiser, Fürsten und Patriarchen sie für dieses Weichmetall bereitwillig in den Tod schickten.
Aber das Alles ist uns egal wenn wir es dann vor uns sehen, es in den eigenen Händen halten, richtig?
Ahh, jetzt kommt der Neid auf... Vielleicht, ja.”
Ich spüre, wie mein Puls beschleunigt.
„Zugegeben, vor ein paar Jahren schon überlegte ich mir, mein Gespartes anstatt spekulativen Aktien anzuvertrauen lieber in etwas „handfestem, Wertbeständigen“ anzulegen.“
Doch ich gehöre nicht zu den Schnellhandelnden auf diesem Planeten und bis ich dann einmal erwogen habe, diese nun gutgereiften Überlegungen ernsthaft in die Tat umzusetzen, da... wumms, war sie auch schon da, die Weltwirtschaftskriese. Und siehe da, der Wert des Goldes wurde wieder um einen erheblichen Prozentsatz angehoben.
Toll, ich hatte wirklich Recht! Aber ich ging, weil ja nur theoretisch richtig gelegen, auch dieses mal wieder leer aus. Zumindest wäre ich beinahe in den Besitz des Füllmaterials für meine Beisserchen gekommen. Aber so...
Der eisige Wind umstürmt meine kalte Nase. Die Jacke ist zu dünn für dieses Wetter. Konnte ja nicht ahnen, dass... „Ah, da geht es zu den Gleisen.“
Ich überquere den Zebrastreifen auf schwarznassem Teer, laufe die Treppen hinauf und ziehe in der zugigen Bahnhofshalle ein Ticket aus dem Automaten. Um mich herum hunderte geschäftiger Leute, ich aber darf nun nach Hause. Bevor ich in den Zug einsteige sehe ich mich noch einmal am Bahnsteig um, sehe wie Millionen Flocken tanzen, höre das Raunen und Gemurmel und ein letzter Gedanke wandert fast schon beschwingt durch meinen Kopf: „Kopf hoch mein Junge! Gold ist doch nur ein Metall! Und wenn du es dir jetzt nicht leisten kannst, dann iß eben erst einmal nur Haferschleim und Erbsensuppe...“